Potsdamer Erklärung zur Inklustion

Verabschiedet auf der Hauptarbeitstagung des Verbandes deutscher Musikschulen am 16.Mai 2014 in Potsdam.

Musikschulen der Zukunft und Zukunft der Musikschule sind inklusiv.

Der Verband deutscher Musikschulen vertritt die Leitidee einer inklusiven Gesellschaft, wie sie auch seit der Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung im Jahre 2009 umzusetzen ist.

Für die öffentlichen Musikschulen bedeutet dies konkret den Einstieg in einen inklusiven Prozess, der

  • eine Teilhabe aller Menschen durch diskriminierungsfreie Angebote und angemessene Vorkehrungen ermöglicht,
  • die weitgehende Selbstbestimmung jedes Einzelnen als Ziel anstrebt,
  • eine äußere (z.B. bauliche, strukturelle, organisatorische) und innere (z.B. pädagogische, kulturelle) Barrierefreiheit gewährleistet,
  • die Individualität Aller achtet und
  • Vielfalt und Heterogenität als Chancen erkennt und nutzt.

 

Hierzu soll der Index für Inklusion Handlungsleitfaden für die Arbeit einer Musikschule sein. Dabei sind örtlich und situativ geprägte Ausgangslagen zu berücksichtigen. Die Musikschule wird zu einem Modell für den Prozess, zu dem sie erzieht: zur Bereitschaft, mit zu gestalten und Verantwortung zu übernehmen. Der VdM berät und unterstützt die Träger der öffentlichen Musikschulen gemeinsam mit den Landesverbänden, die Entwicklung von Inklusionsprozessen erfolgreich zu gestalten.

 Musikschulen im Verband deutscher Musikschulen sind Bildungseinrichtungen, die im öffentlichen Auftrag eigenständig – zunehmend aber auch vernetzt mit anderen Partnern in der kommunalen Bildungslandschaft – allen Menschen inklusionsangemessene Angebote unterbreiten und Unterstützung leisten: Musizieren zu lernen, selbst Musik zu machen, zu Hören, zu Verstehen und Musik gemeinsam zu erleben.

 Musikschulen verbinden Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten, wirken gemeinschaftsstiftend, generationen- und kulturübergreifend.

 Als Zeichen menschlicher Vielfalt werden Begabungen und Behinderungen wertfrei betrachtet. Empowerment jedes/r einzelnen Schülers/in durch Förderung, Unterstützung und Begleitung mit dem Ziel individueller Sinnfindung in der aktiven Auseinandersetzung mit Musik bestimmt die Arbeit der Musikschulen.

 Jeder einzelnen Musikschule stellt sich dabei die Aufgabe zu prüfen, ob sie alle Menschen, die aktiv musizieren wollen, erreicht.

Der Abbau von Barrieren, die einen Zugang und eine Teilhabe an hochwertiger musikalischer Bildung be- oder verhindern, ist eine organisatorische, strukturelle und pädagogische Herausforderung für die Musikschulen. Neben dem Abbau von Barrieren wird es auch darum gehen, dem Einzelnen notwendige Unterstützung zu leisten und angemessene Vorkehrungen für eine den Bedürfnissen entsprechende Förderung zu treffen.

 Individuelle Strategien, Barrieren zu überwinden oder zu umgehen, sind gemeinsam mit Schülern zu entwickeln. Eltern bzw. andere Bezugspersonen sind hierbei wichtige Partner.

 Zu Menschen mit besonderem Förderungsbedarf gehören ebenso (hoch-)begabte Kinder, die ihr Potenzial optimal entwickeln können sollen, ohne sozial ausgegrenzt zu werden.

 Die politisch gewollte Entwicklung hin zu einer inklusiven Gesellschaft wird erheblich durch die Auswirkungen eines gleichzeitig stattfindenden gesellschaftlichen Wandels beeinflusst. Das bedeutet für die Musikschulen als lernendes System die Notwendigkeit wie auch die Bereitschaft, den eigenen Kurs ständig zu überprüfen.

 Kooperationen / Vernetzungen mit anderen öffentlichen aber auch privat-gemeinnützigen lokalen Bildungspartnern und Sozialeinrichtungen ermöglichen es den Musikschulen, auf neue Zielgruppen mit musikalischen Angeboten zuzugehen.

 Trotz einer Unteilbarkeit der Leitidee der Inklusion erscheint es für Musikschulen sinnvoll, Menschen mit Behinderung, Menschen mit Migrationshintergrund und Erwachsene und Senioren als verschiedene Zielgruppen mit jeweils spezifischen Bedürfnissen auf unterschiedliche Weise wahrzunehmen.

Gleichzeitig ist es zunehmend geboten, die bisherige Hauptzielgruppe der Kinder und Jugendlichen neu auf ihre Ansprechbarkeit und Erreichbarkeit (G 8, Ganztagesangebote) durch das Musikschulangebot in den Blick zu nehmen.

 Individuelle Lehr- und Entwicklungspläne und Methoden werden zunehmend die Pädagogik der Musikschulen bestimmen. Selbstbestimmte Differenzierung und selbstverständliches Musizieren, eigenverantwortliches Lernen und das lustvolle Teilen des Gelernten im gemeinschaftlichen Musizieren werden das Unterrichtsgeschehen prägen.

 Die prozess- und systemrelevanten Faktoren gelingender Pädagogik werden die Strukturen und die Verwaltungen der Musikschulen herausfordern. Die Verantwortung der Träger und der Länder besteht darin, die notwendigen Ressourcen im Rahmen ihrer  aushaltswirtschaftlichen Möglichkeiten bereitzustellen, damit Musikschulen die erforderlichen Anpassungen hinsichtlich Organisation, Personal und Verwaltung leisten können und eine auf Nachhaltigkeit angelegte Struktur gewährleisten können. Außerdem sollten die Träger ihrerseits die Musikschulen im Rahmen der kommunalen Bildungslandschaften vernetzen.

 

In einer inklusiven Musikschule, also einer „Musikschule für alle“

  1. ist individuelle Förderung das Ziel des Unterrichts und wird Selektion vermieden
  2. sind Neugier und Mitgestaltung der Schüler gewünscht sowie die grundsätzliche Leistungsfähigkeit aller anerkannt
  3. sind Selbsttätigkeit, Selbstständigkeit und Selbstverantwortung Weg und Ziel
  4. finden sich Gelegenheiten, Können und damit sich selbst zu zeigen
  5. spielen Angst und Zeitdruck im Lernprozess keine Rolle
  6. zeigen die Lehrkräfte, aber vor allem auch altersgerechte Vorbilder, „wie es geht“ und dass Können Spaß macht. Alle Vorbilder sind bereit, ihr Können zu teilen und fähig, andere mitzunehmen
  7. führen Erlebnisse zu einem Ergebnis, das zu neuem Lernen motiviert
  8. spielen der Mensch, die Musik und das gemeinsame Musizieren die Hauptrollen
  9. kann der Einzelne spüren, dass das Handeln der anderen auch seinem Wohl gilt
  10. werden Eltern, Freunde und Verwandte sowie alle anderen interessierten Personen und Institutionen in und um die Musikschule einbezogen

 Lernen ist ein eigenaktiver Prozess. Deshalb ist ein Grundgedanke der Inklusion das individualisierte Lehren, das allen Schülern zugute kommen wird. Gleichzeitig ist das in der Inklusion geforderte gemeinsame Lernen ein wesentlicher Baustein für eine soziale, durch Mitmenschlichkeit geprägte gesellschaftliche Entwicklung.

 

Ein sich wandelndes Welt- und Menschenbild, ein neues Denken und eine neue Kultur des Miteinanders und der Wertschätzung schaffen die Voraussetzungen für eine inklusive Musikpädagogik.